Wenn Kinder sich gegen die Eltern auflehnen

gegen die Eltern auflehnen

Das Kind gehorcht nicht, rastet schnell aus oder schlägt zu. Darüber beklagen sich heute viele Eltern. Die Entwicklungspädagogin Rita Messmer hat diverse indigene Völker besucht und festgestellt, dass sich Kinder dort nicht gegen die Eltern auflehnen. Im Interview erklärt sie, was Eltern tun können, damit Kinder Sozialkompetenz entwickeln.

Rita Messmer

Rita Messmer

Frau Messmer, lehnen sich Kinder heute mehr gegen ihre Eltern auf als in früheren Generationen?

Ich gebe seit über 35 Jahren Elternkurse. Das Phänomen, dass sich Kinder gegenüber ihren Eltern renitent verhalten, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Mir fällt auch auf, dass Erziehungsprobleme heute viel früher beginnen. Schon ganz kleine Kinder – ich spreche hier von ein- bis zweijährigen – verhalten sich auffällig. Sie schreien exzessiv, vermeiden Augenkontakt, rasten aus, toben oder beissen ihre Eltern oder andere Kinder.

Sie haben in indigenen Kulturen gelebt. Wie verhalten sich die Kinder dort?

Der Unterschied zu Kindern in Industrienationen ist enorm. Kinder in indigenen Kulturen schliesst man sofort ins Herz. Wenn man sich ihnen zuwendet, schauen sie einen mit grossen Augen an und lächeln oft. Sie freuen sich über die Interaktion. Sie sind neugierig und tun, was man ihnen sagt. Eltern müssen sich nicht wiederholen oder gar laut werden. Gegenüber Erwachsenen zeigen sie grossen Respekt.

Warum verhalten sich viele Kinder in unserer Gesellschaft renitent?

Das soziale Nervensystem des Kindes ist darauf angewiesen, gewisse Impulse zur richtigen Zeit zu bekommen. Dessen sind sich Eltern in Industrienationen nicht bewusst. Interessant ist: Wie schafft es die Biologie, dass ein Wolfsrudel funktioniert oder eine Elefantenherde? Warum gibt es einen Leitwolf und ein Alphaweibchen? Die Biologie kennt für jedes Lebewesen einen Entwicklungsplan.
Auch für uns Menschen ist es das wichtigste Bedürfnis, in die soziale Gemeinschaft aufgenommen zu sein. Wir können allein nicht überleben – wir brauchen unsere Mitmenschen.

Wie funktioniert denn das soziobiologische Verhalten beim Menschen?

In den ersten drei Lebensmonaten sendet das Baby Signale aus, und die Eltern reagieren verlässlich darauf. Die Eltern geben ihrerseits Signale ab. So entsteht die Eltern-Kind-Bindung, die dem Baby Sicherheit gibt.
Nach dem dritten Lebensmonat erfährt sich das Baby allmählich als von der Mutter getrennt. Es fängt an, auf die Signale aus seinem Umfeld zu achten und darauf zu reagieren. Sein Gehirn schaltet zunehmend vom Senden auf Empfangen. Es setzt eine Wechselwirkung ein. In traditionellen Kulturen sieht man, dass die Mütter nun anders mit ihrem Säugling umgehen. Das Baby ist dabei, steht aber nicht im Mittelpunkt. Es lernt, sich nach der Mutter auszurichten, die Signale und Körpersprache der Mutter zu lesen und zu verstehen. Die Natur zeigt dem Kind auf, dass es nun die überlebenswichtigen Signale nicht mehr von innen, sondern von den Eltern erhält. Diese Phase ist für die Entwicklung prägend und für die soziale Entwicklung essenziell.
Ab neun Monaten wird das Kind zunehmend mobil und stellt auf Empfang. Für sein Überleben ist es nun wichtig, Informationen, die seine Eltern aussenden, zu empfangen.
Von diesem biologischen Prozess profitiert das Kind. Je besser es sich diesem System anpasst, desto besser können seine Eltern ihre Aufgaben wahrnehmen, damit es sich gut entwickeln kann. Sich gegen die Eltern auflehnen ergibt aus biologischer Sicht keinen Sinn.

Was empfehlen Sie, damit Kinder sich nicht gegen die Eltern auflehnen und zu sozialen Wesen werden?

Es ist wichtig, dass die Eltern nach den ersten drei Lebensmonaten die Führung übernehmen und sich nicht ausschliesslich auf die Signale des Kindes konzentrieren. In der Tierwelt fragen Eltern ihren Nachwuchs nicht, was er essen will. Sie wissen, was zu welcher Zeit das Richtige für ihn ist.
Eltern empfehle ich, sich wie Bergführer zu verhalten und ihrem Kind klare Anweisungen zu geben. Wenn die Eltern unsicher sind und ihre Führungsrolle nicht übernehmen, merkt dies das Kind und füllt dieses Vakuum aus: Es übt Kontrolle über die Eltern aus und beginnt, sich gegen sie aufzulehnen.

Sie sehen die bedürfnisorientierte Erziehung als kritisch an. Warum?

Alle Eltern wollen gute Eltern sein. Die Bedürfnisse des Neugeborenen wahrzunehmen ist wichtig. Aus meiner Sicht übergibt die bedürfnisorientierte Erziehung jedoch die Führung dem Kind. Es kommt also zu einer Umkehr der Hierarchie mit den uns bekannten Folgen: Kinder lehnen sich gegen die Eltern auf. Babys und Kleinkinder haben aber das Bedürfnis, geführt zu werden.

Wie sollen Eltern sich verhalten, wenn ihr Kleinkind etwas tut, was ihnen nicht passt?

Das Kind kann ohne die Eltern nicht überleben. Folglich hat die Natur vorgesehen, dass es Aufmerksamkeit erregen muss. Jedes Mal, wenn es diese bekommt, wird es mit Glückshormonen belohnt. Eltern dürfen ihrem Kind aber für unerwünschtes Verhalten keine Aufmerksamkeit schenken. Sie müssen wissen, wann ihr Nachwuchs wirklich Aufmerksamkeit braucht und wann eben nicht. Wenn sie ein Verhalten nicht fördern wollen, reicht es, den Blick abzuwenden. So signalisieren sie dem Baby, dass sein Verhalten nicht zum Ziel geführt hat und es sich inskünftig nicht mehr so verhalten soll. Babys kommunizieren übrigens ebenfalls mit dem Blick. Sie wenden sich beim Füttern ab, wenn sie satt sind.
Ich rate den Eltern, sich mit ihrem Kind von klein auf nicht in endlose Diskussionen und Machtkämpfe zu verstricken. Eltern sollen ihrem Kind Aufmerksamkeit für erwünschtes Verhalten schenken.

Können Sie das ideale Verhalten an einem Beispiel erklären?

Eine Mutter klagte in meiner Praxis, dass sich ihr Zweijähriger immer in den Vorhang einwickle. Sie hatte Angst, dass er die Vorhangstange herunterreissen würde. Alle ihre Versuche, ihn von seinem Tun abzuhalten, scheiterten. Ich empfahl der Mutter, statt das Kind zu ermahnen, den Raum ohne Worte zu verlassen. Dieses Verhalten hat sofort dazu geführt, dass das Kind von seinem Vorhaben abliess.

Viele Eltern verstricken sich in endlose Diskussionen mit ihrem Kleinkind und versuchen ihm zu erklären, weshalb es etwas nicht tun soll. Warum fruchten solche Diskussionen meist nicht?

Kleine Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Wenn wir mit ihnen reden, lernen sie unsere Sprache, aber kein Verhalten. Mit Erklärungen wollen die Eltern ihr Kind auf der kognitiven Ebene ansprechen und erwarten, dass es das Gesagte interpretieren kann. Dazu sind Kleinkinder aber nicht in der Lage. Während endlosen Diskussionen erhält das Kind sehr viel Aufmerksamkeit für etwas, wofür es aus biologischer Sicht keine erhalten sollte. Für seine Entwicklung ist das nicht förderlich.

Wie sollten Eltern besser reagieren?

In traditionellen Kulturen würde eine Mutter ihrem Kind nicht sagen: «Komm!», bevor sie irgendwohin geht. Sie steht einfach auf und geht. Sie weiss, dass ihr Kind ihr folgen wird. Ihr Verhalten motiviert das Kind, genau das Richtige zu tun. Würde sie es auffordern zu kommen, sich nach ihm umdrehen und es anschauen, gäbe sie ihrem Kind zu verstehen, dass es eventuell etwas anderes tun könnte. Das Kind würde so lernen: Je weniger ich dem Wunsch der Mutter entspreche, desto mehr Aufmerksamkeit erhalte ich. Und schon befinden sich die Eltern in einem Teufelskreis.

Wie sollen Eltern mit ihrem Kind sprechen, wenn sie etwas von ihm wollen?

Wollen Eltern zum Beispiel, dass ihr Kind aufräumt, sagen sie oft: «Würdest du bitte noch die Spielsachen aufräumen?» Sie wollen lieb und anständig sein. Beim geäusserten Satz handelt es sich jedoch um eine Frage. Die Eltern wollen dem Kind aber keine Wahl geben. Mit einem solchen Satz unterwerfen sie sich ihrem Kind. Kinder brauchen eine klare und direkte Sprache, die Handlungsbedarf anzeigt. Sie müssen verstehen, was von ihnen erwartet wird. Besser ist zum Beispiel die Aufforderung: «Die Autos wollen/müssen noch in die Garage!» Das Gehirn hört Auto und Garage, und das Kind versteht, was zu tun ist. Grundsätzlich empfehle ich, dass ein Kind alles selber machen soll, wozu es in der Lage ist. Eltern sind nicht die Diener ihrer Kinder.

Wie sollen Eltern mit Wutausbrüchen ihres Kindes umgehen?

Heute besteht die Auffassung, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter ihre Gefühle noch nicht selbst regulieren können, was so nicht stimmt. Das regulative System von Kindern, die häufig Wutausbrüche haben, hat im ersten Lebensjahr falsche Impulse erhalten. Die Korrektur von unerwünschtem Verhalten ist immer mit Aufwand verbunden.
Will ein Kind zum Beispiel in einem Geschäft ein Eis und beginnt zu toben, empfehle ich, ihm keine Aufmerksamkeit zu schenken und abzuwarten, bis es sich beruhigt hat. Kaufen die Eltern ihm das Eis, nur damit es Ruhe gibt, fördern sie unerwünschtes Verhalten.

Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn ihr Kind andere schlägt oder die Kindergärtnerin beisst?

Wenn das Kind den Ton angibt, müssen sie die Hierarchie wieder herstellen. Das Kind muss erkennen, dass die Erwachsenen die Regeln vorgeben. Kinder, die sich so verhalten, sind verunsichert. Die Eltern müssen Werte und Normen altersentsprechend vermitteln, zum Beispiel mit Zeichnungen. Man kann eine Zeichnung, auf der ein Kind ein anderes schlägt, mit einem Rotstift durchstreichen. Das ist ein klares Signal ans Gehirn: Dieses Verhalten ist unerwünscht. Im Gegenzug kann man eine Zeichnung in Grün machen, das dem Kind aufzeigt, was von ihm erwartet wird.

Wie wichtig ist der Kontakt zu anderen Kindern, um Sozialkompetenz zu lernen?

Eltern müssen wissen, dass sie die Sozialkompetenz ihres Kindes bereits im ersten Lebensjahr mit ihrem Verhalten prägen. Dann wird ihr Kind im Kindergarten nicht andere Kinder beissen, schlagen oder dominieren wollen, sondern sich gut in die Klasse integrieren.
In Costa Rica erzählte mir mal ein Lehrer, dass es bei ihnen auf dem Pausenhof niemals zu Streit käme. Auch ihm Klassenzimmer mit 50 Kindern und einer Lehrperson laufe alles friedlich ab.
In der Schweiz erzählen mir immer wieder Eltern, dass sie Angst haben, dass ihr Kind in der Schule gemobbt oder ausgegrenzt werden könnte.

Wie gelingt es Eltern, die Kinder bei der Hausarbeit besser zu involvieren?

Es braucht klare Regeln statt Endlosdiskussionen. Eine Mutter erzählte mir mal, dass ihre beiden Jungs der Meinung wären, die Arbeit der Eltern zu verrichten, wenn sie den Geschirrspüler ausräumen müssten. Diese Haltung ist symptomatisch für die heutige Zeit. Viele Kinder sehen sich als Nutzniesser, weil die Eltern immer alles für sie erledigt haben. Kinder werden nicht ins Familiensystem mit Aufgaben und Pflichten integriert. Sie machen von klein auf die Erfahrung: Die Eltern sind für mich da. Und wenn jemand die Vorherrschaft hat, dann gibt er diese nicht kampflos ab.

Filed under: Erziehung

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Autorin: Susanna Steimer Miller ist Journalistin und hat sich auf Themen rund um die Schwangerschaft und Geburt sowie die Gesundheit, Ernährung, Entwicklung und Erziehung des Kindes in den ersten fünf Lebensjahren spezialisiert.